Erstellt von Susanne Stock

Emotionen müssen draußen bleiben

Gefühle haben im Business nichts zu suchen. Wir müssen hier ganz rational nach Lösungen suchen. Da halten Gefühle uns nur auf und kosten zu viel Zeit. Zeit, die wir nicht haben. Gefühlsduselei bringt uns nicht weiter.

Erklärungen, warum Emotionen im Business außen vor bleiben sollten, hören wir in unserer Beratungsarbeit immer wieder. Mancherorts hat sich sogar das Bild etabliert, dass Gefühle so etwas sind, wie schlecht erzogene Welpen. Wenn ich das Büro betrete, gilt das Motto: Emotionen müssen draußen vor der Tür bleiben. Wenn ich abends nach Hause gehe, packe ich sie wieder ein und dann dürfen sie ein bisschen 'herumtollen'. Im Büro angekommen, sollten Teammitglieder so gut wie möglich "funktionieren". Oft hören wir Aussagen wie: Warum hören meine Mitarbeiter nicht auf mich und setzen vereinbarte Veränderungen um? Die Fakten liegen doch auf dem Tisch! Wir müssen effizienter arbeiten und dafür die neue Software einführen. Was daran fällt denn so schwer?

Menschen sind keine Roboter, keine Maschinen, die auf Knopfdruck reagieren. Das wissen wir - in der Theorie - alle. Und trotzdem hält sich in der Praxis hartnäckig ein Denkmodell, welches Menschen mit Maschinen gleichsetzt. Wir fragen uns: Welche Knöpfe muss ich drücken, damit mein Team reibungslos läuft? Die Rollen sind klar definiert, es müssten doch alle so funktionieren wie ein Rädchen im Uhrwerk. Gefühle haben in diesem Denkmodell keinen Platz.

Gefühle öffnen das Tor zur Authentizität

Doch die Realität ist: Unsere Gefühle sind nicht von uns trennbar. Wir sind eine Einheit aus Körper, Gedanken und Emotionen. Ohne ein empathisches soziales Miteinander könnte kein Mensch aufwachsen, lernen, Motivation und Leistung entwickeln. Gefühle verbinden. Sie bringen uns in Kontakt mit uns selbst und anderen und öffnen uns das Tor zur Authentizität. Erst wenn ich die Emotionen eines Menschen erkenne, kann ich erkennen, mit welchem Menschen ich es zu tun habe.

All unsere Emotionen haben einen wichtigen Nutzen und dies gilt auch für unangenehme Gefühle wie Traurigkeit oder Wut. Sie helfen uns, schwierige Situationen zu meistern, unsere Aufmerksamkeit zu schärfen und uns bewusst zu werden, welche Bedürfnisse wir haben.

Emotionen sind ansteckend

Wir haben feine Antennen dafür, die Emotionen des Anderen zu erkennen. Auch wenn wir diese Antennen im Alltag nicht immer bewusst nutzen, unbewusst lassen wir uns anstecken von den emotionalen Schwingungen im Raum.

Und: Auch unterdrückte Emotionen sind ansteckend. Dies passiert häufig bei schnellen Übergängen von einem Meeting zum nächsten. Habe ich mich im ersten Meeting des Tages über den Angriff eines Kollegen geärgert und gehe danach sofort in das nächste Meeting, ist die „Ansteckungsgefahr“ recht groß. Wenn die Emotion nicht bewusst verarbeitet wird, kann ich sie zwar unterdrücken, aber nicht wirklich wegdrücken. Scheinbar konzentriere ich mich schon auf das neue Thema, doch im Hintergrund sind Körper und Geist noch emotional aktiviert. Nach außen hin sehen die Kollegen dann eine Diskrepanz zwischen dem, was ich sage und dem, was ich durch Körpersprache, Tonfall und Mimik ausstrahle. Die emotionale Botschaft sucht sich ihren Weg und bleibt am Ende als Eindruck bei den Kollegen hängen.

Die emotionale Ansteckung geschieht schnell, manchmal ‚leise‘. Verstärkt wird der Effekt, wenn eine Person ausdrucksstark ist oder Hierarchie im Spiel ist. Das heißt, dass Mitarbeiter sich nachhaltiger von den Emotionen ihrer Chefs anstecken lassen. Ganze Firmenkulturen lassen sich auf die emotionale Haltung der Führungskräfte zurückführen. Welche Mentalität und welche Atmosphäre werden nachhaltig gefördert? Eine Mentalität der Zuversicht, der Neugier? Oder eine Mentalität der Angst und des Misstrauens?

Emotionen tragen eine tiefe Intelligenz in sich

Sie machen uns darauf aufmerksam, was wir gerade brauchen, wo es uns hinzieht oder was uns nicht guttut. Sie dauerhaft zu ignorieren, führt zu Konflikten und beeinträchtigt im schlimmsten Falle unsere Gesundheit. Emotionen stecken in unserem Körper und können nicht einfach weggedrückt, oder vor der Bürotür gelassen werden. Sie bahnen sich ihren Weg nach ‚oben‘ ins Bewusstsein und dauern so lange an, bis sie gehört werden.

Nutzen Sie die Intelligenz der Emotionen und hören beziehungsweise spüren sie etwas genauer hin:

  • Wie geht es mir gerade? Welche Emotionen kommen in mir hoch?
  • Worauf macht mich diese Emotion aufmerksam? Welche hilfreiche Funktion könnte diese Emotion haben?
  • Wie kann ich gerade für mich sorgen? Wie kann ich für mein Team sorgen?
  • Welche Lösungen kann ich gemeinsam mit meinem Team finden, um die Emotionen konstruktiv zu nutzen?

Planen Sie zwischen Ihren Meetings bewusst 15 Minuten Pause ein oder machen Sie einen kurzen Spaziergang in der Mittagspause, um Ihre Emotionen anhand der Reflexionsfragen zu erkunden.

Etablieren Sie einen Check-in in Ihrem Team, in dem tatsächlich über Gefühle gesprochen wird und Sie Stopp sagen, sobald diese ignoriert werden.

Diskutieren Sie im Team, was passieren muss, damit sie mehr Emotionen zulassen.

Emotionen sind das essentielle 'Schmiermittel' für eine gute Kommunikation und ermöglichen eine echte Verbindung zwischen Menschen. Es braucht also Vernunft und Gefühl, um eine Atmosphäre zu gestalten, in der Teams ihre volle Kraft entfalten können.


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