Erstellt von Marc Chmielewski

#favouritemodel No. 22 - Beobachtung 2. Ordnung

Eine entscheidende Annahme der Systemtheorie ist, dass jeder Mensch als individueller Beobachter seiner Umgebung, aus dem WAS sie oder er mit den Sinnen wahrnimmt, einen einzigartigen Zusammenschnitt formt. Gemeinsam mit Gedanken, Gefühlen, Erfahrungen und Erwartungen erschaffen wir uns so eine Wirklichkeitskonstruktion die wir, als Realität erleben.

Diese Vorgänge sind für uns derart selbstverständlich, dass wir die Möglichkeit „es könnte ja auch ganz anders sein“ spontan eher selten „mitdenken“. Unsere Wahrnehmung erscheint uns somit als vermeintlich objektive Wirklichkeit. Je nachdem, wie wir mit uns selbst im inneren Monolog sprechen, halten wir diese Wirklichkeit stabil oder hinterfragen sie gelegentlich. Für eine solche Reflexion ist das Modell der Beobachtung 2. Ordnung hilfreich.

Dieses Modell nimmt eine Erkenntnis von Humberto Maturana auf, die beschreibt, dass alles, was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt wird. Somit ist Beobachtung als solche eben nicht objektiv, sondern sie enthält stets Anteile des Beobachters. Dies im Hinterkopf, wird der Beobachtungsprozess an sich zu einem sehr spannenden Beobachtungsgegenstand. Wenn wir nämlich andere bei ihrer Beobachtung beobachten, dann haben wir die Chance, etwas über ihre Beobachtungsmuster und ihre Wirklichkeitswahrnehmung zu erfahren. Denn bei einer Beobachtung 2. Ordnung weiten wir den Blick von der inhaltlichen Tatsache einer Beobachtung (WAS) darauf, WIE der beobachtete Beobachter etwas gesehen oder auch gerade nicht gesehen hat.

Beobachtungen zu beobachten, bietet ein breites Lernfeld. Einerseits über uns selbst, weil dieser Akt ja auch eine Beobachtung sein kann, die wir mit etwas Selbstreflexion beginnen können. Zum anderen über unsere Mitmenschen, über die wir in ihrer Beobachtung und einer gemeinsamen Reflexion darüber viel erfahren und ihnen dabei Möglichkeiten zur Introspektion anbieten können.

Sowohl für mich persönlich als auch in der Arbeit mit meinen Kunden und nicht zuletzt als Führungswerkzeug, ist die Bobachtung 2. Ordnung eine sehr mächtige Methode, um tiefer in Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion einzutauchen. Dabei helfen zum Beispiel folgende Fragen:

  • Welche Unterscheidungen trifft der jeweilige Beobachter?
  • Welchen Fokus hat der jeweilige Beobachter?
  • Was wird ausgeblendet?
  • Wie unterschiedet sich diese Bobachtung von meiner Beobachtung?
  • Wie unterscheidet sich diese Beobachtung von anderen Beobachtungen?
  • Welche Erläuterungsmuster erfahren wir vom Beobachter über die Beobachtung?
  • Welche Grundannahmen über sich und die Welt geben Beobachter preis?

Gerade wenn es darum geht, die eigenen und andere Grundannahmen sichtbar und damit bearbeitbar zu machen, kann dieses Vorgehen, bei dem wir uns ansehen, wie unterschiedlich Wirklichkeiten konstruiert werden, immens hilfreich sein. Das Arbeiten an Grundannahmen wiederum ist aus meiner Erfahrung ein zwingender Erfolgsfaktor für Entwicklungs-, Veränderungs- und Transformationsprozesse sowohl auf individueller Ebene als auch auf kollektiver Ebene. Denn genauso wie wir individuell unsere eigene Realität konstruieren, findet dieser Prozess auch auf der Ebene ganzer Organisationen statt. Hier werden kollektive Überzeugungen entwickelt und diese können einen Unterschied machen, ob zum Beispiel ein Veränderungsprozess als notwendig oder nicht in der Organisation angesehen wird ( #favouritemodel 17 – Haus der Veränderung – Zufriedenheit).

Auch wenn das #favouritemodel Beobachtung 2. Ordnung auf den ersten Blick etwas abstrakt anmutet, kann ich aus meiner Erfahrung sagen, dass sich die Beschäftigung mit diesem Ansatz sehr lohnt, weil im Reflektieren der eigenen Beobachtungen Selbsterkenntnis lauert und im Reflektieren der Beobachtungen anderer ein Ansatzpunkt für wirkliche Veränderungen.

Wie hilft mein #favouritemodel dir?

Neben dem hohen Potenzial zur Selbsterkenntnis, hilft die Beobachtung 2. Ordnung, mir persönlich immer dann, wenn wir in Projekten an vermeintlich unveränderbaren Aspekten arbeiten. Das kann im Coaching genauso der Fall sein, wie in Transformationsprozessen.

Die Aufmerksamkeit gemeinsam auf Konstruktionen, Grundannahmen und Glaubenssätze zu richten hilft, um diese zu thematisieren und damit auch zu verändern, wenn nötig. Deswegen höre ich besonders gut hin, wenn ich auf Formulierungen treffe, wie:

  • Das ist halt so…
  • Jeder weiß, dass…
  • Ich habe gelernt, dass…
  • Bisher war es so, dass…
  • Uns war immer wichtig, dass…
  • Das gibt es bei uns nicht…
  • Die Erfahrung hat gezeigt, dass…

Mit einer tiefen Überzeugung, dass Veränderungen für uns immer möglich sind und unsere Zukunft nicht darin besteht, unsere Vergangenheitskonstruktionen einfach fortzuschreiben, erlebe ich häufig, dass ein gemeinsames Bearbeiten eigener Beobachtungsmuster eine neue Perspektive ermöglicht und damit auch neue Veränderungsperspektiven entfaltet. Selbstverständlich beschreibt das nur meine eigene Wirklichkeitskonstruktion zum Umgang mit diesem Modell und ich lade euch dazu ein, eure eigenen Erfahrungen zu machen und eure Konstruktionen entsprechend zu reflektieren.

Schreibt mir gerne, wenn ihr euch dazu austauschen wollt. Per Mail oder auf LinkedIn. Direkte Links zu diesen Kanälen findet ihr in menem Profil.

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